Nachrichtenlage und Realtime-Web: NBA- und NHL-Spieler kontrollieren den News-Zyklus selbst

Posted on 13. Jul, 2010 by Sebastian Keil in strategisch relevant

Wer seit dem 1. Juli die Starts der Free Agency-Perioden* in NBA und NHL verfolgt, bekommt einen guten Einblick in den Zustand der Medienberichterstattung. Ich möchte zwei konkrete Beispiele anführen, um auf der einen Seite den Stand der klassischen Medien als Gatekeeper endgültig für nicht mehr vorhanden zu erklären. Auf der anderen Seite stehen jedoch auch die “Gerüchte”-Blogger und Twitterer letztendlich wie Trolle da, wenn sie sich nur um sich selbst drehen und keine neuen Nachrichten liefern.

In der NBA war Superstar LeBron James der Free Agent, der am meisten Aufmerksamkeit generierte. Schon im Vorfeld hatten Medien wie z. B. ESPN.com einen “LeBron Tracker” kreiert, der stets die aktuellsten Meldungen über Verhandlungen liefern sollte. In klassische Medien, Blogs und vor allem auf Twitter wurde minutiös berichtet, wie James u. a. mit den New York Knicks, New Jersey Nets, Chicago Bulls, Cleveland Caveliers und Miami Heat traf, hier zwei Beispiele im offiziellen Twitter-Konto der New York Knicks. Es war lange Zeit unklar, wann James sich entscheiden würde, deshalb wurde viel darüber geschrieben, dass es noch nichts Neues gab. James selbst hatte auf seiner Webseite lebronjames.com angekündigt, dass seine Fans dort (und via Email) zuerst informiert würden. Außerdem hat James sich dann selbst ein Twitter-Profil, @kingjames, angelegt, um die Nachricht zu kontrollieren. Am Ende ist er selbst an ESPN herangetreten, um ein einstündiges Special mit dem Sender, “The Decision”, einzufädeln, um dort bekannt zu geben, wo er ab der kommenden Saison spielen wird (Miami). Das er sich für ESPN entschieden hat ist eine Sache (Werbeeinnahmen der Sendung gingen an einen wohltätigen Zweck), er hätte es theoretisch auch lediglich via Twitter oder Ustream bekanntgeben können. Das Entscheidende – LeBron hatte die komplette Kontrolle und hat sie entsprechend genutzt, weil ihm die Kanäle persönlich zur Verfügung stehen.

Der NHL-Free Agent mit der größten Nachfrage ist Ilya Kovalchuk. Obwohl die Anzahl der interessierten Vereine aufgrund hoher (z.T. berechtigter) Gehaltsforderung kombiniert damit, dass er gern eine lange Vertragsdauer haben möchte, limitiert ist, zieht sich die Entscheidungsfindung nun schon fast 14 Tage hin. Bei ihm wird die Nachrichtenlage indirekt über seinen Agenten/Manager Jay Grossman kontrolliert. Vor knapp einer Woche hatte dieser schon einmal eine Entscheidung angekündigt, diese wurde jedoch nicht getroffen und seitdem zieht sich die Situation wie Kaugummi. Vermutlich wird er solange mit dem nächsten Tweet warten, bis es eine Entscheidung seitens seines Klienten gibt. Dies stellt besonders die Blogger und Twitterer vor Probleme, die Gerüchte und News als erste berichten wollen. Es wird also nicht eine Agenturmeldung mit einem Satz zitiert und kommentiert, sondern eine mutmaßliche Quelle mit einem Satz, und Kommentar lohnt sich dann auch nicht. In den letzten Tagen habe ich morgens dutzende Posts gelesen, die schrieben: “Kovalchuk vermutlich zu New Jersey.” Also null Informationsgehalt. Die Twitterer retweeten Kommentar von ESPN-Redakteuren oder anderen Gerüchte-Kennern. Hier zeigen sich die Nachteile des Realtime-Webs: Wenn ich in meine NHL-Twitter-Liste schaue, sehe ich viel Rauch aber keine Feuer. In diesem Fall erfahre ich zuverlässiger mehr, indem ich auf die ESPN-Homepage schaue, wo nur bestätigte Nachrichten stattfinden.

*Kurz und vereinfacht wird ein Spieler Free Agent, wenn sein alter Vertrag ausläuft. Er hat keinerlei vertragliche Verpflichtung mehr und kann sich einen neuen Verein aussuchen. Dies ist im amerikanischen Sport etwas anders als im deutschen und eine Besonderheit. In der Regel “gehört” ein Spieler einem Verein und der Verein kann (bis auf Ausnahmen) seine Spieler ohne Probleme mit anderen tauschen. Vergleichbar wäre, dass Bremen und Bayern sich einigen, Kroos und Özil zu tauschen – die Spieler hätten in diesem Fall keinerlei Mitspracherecht (Es gibt wie gesagt Ausnahmen, einige Spieler haben eine sogenannte No-Trade-Clause).

Kopffutter: Produkte, Technik, Use Cases

Posted on 07. Jul, 2010 by Sebastian Keil in strategisch relevant

Ich mag es sehr, wenn Präsentationen mich nicht inhaltlich ansprechen und nicht nur durch die Aufbereitung der Gedanken ansprechen, sondern beides verknüpfen. Die weiter hinten im Deck vorgestellten Cases sind natürlich auch gut zusammen getragen, aber es schadet nicht, sich die ersten 10 Seiten mehrfach anzuschauen.

Razorfish Studie über Publishing: Nimble

Posted on 16. Jun, 2010 by Sebastian Keil in Statistiken, Studien, Reports, strategisch relevant

Die Agentur Razorfish zeichnet sich nicht nur durch gute Kreation aus, sondern auch durch einen steten Blick in/für die Zukunft. Immer wieder werden gerade für das Social Web interessante Studien veröffentlicht, wie z. B. der lesenswerte Feed-Report im November des letzten Jahres.

Vor 14 Tagen wurde die in Deutschlands Blogszene bisher wenig beachtete Studie “Nimble” veröffentlicht (Pressemitteilung auf razorfish.com, Twitter-Feed @nimbleRF), die darstellt, wie Razorfish die Zukunft des Publishings sieht.
Ziel war aufzuzeigen,

“how media and publishing companies are adapting to the demands of the digital content landscape. Who is pushing the envelope and how? What technologies can be applied in new and interesting ways? What lessons can be put to use in your own organization?”

Autorin Rachel Lovinger und ihr Team hat dazu über 20 Interviews mit Experten aus Medien- und Verlagshäusern geführt. Die Antwort heißt: “nimble”, sowohl der Content als auch die Methode.
<Sprachexkurs> Die deutsche Übersetzung “flink” ist nicht ausreichend, um den Begriff exakt zu umreißen. Ein Ausflug zu dictionary.com liefert mehr Kontext:

  1. quick and light in movement; moving with ease; agile;active; rapid: nimble feet.
  2. quick to understand, think, devise, etc.: a nimble mind.
  3. cleverly contrived: a story with a nimble plot.

Besonders “agil” und “clever” sind neben “flink” die für mich entscheidenden Attribute, die Online-Inhalte haben sollten.
</Sprachexkurs>

Einige Zitate
Content needs to be free (like a bird, not like a beer).

Being nimble is about the ability to adapt quickly to the new challenges and opportunities in today’s media ecosystem <…>.

And being nimble is not just about an organization. It’s about the industry’s business models. It’s about production processes. It’s about the content itself. Content needs to be nimble in order to be free.

Nibmle content is content freed of traditional constraints, but crafted in such a way that it still delights, informs, educates, and entertains.

Ironically, it’s more structure that makes content nimble and sets it free. Not the kind of blind structure that defines the layout of a web page, but rtags that express the meaning and function of each individual element in a content item.

“You can’t afford to (create) a piece of content for any one platform. Instead of crafting a website, you have to put more effort into crafting the description of an asset and the different bits of an asset, so they can be reused more effectively, so they can deliver more value.” Nic Newman

“At the end of the day, I don’t think the user really cares about where this content lives. They want useful information.” Jim Stanley

The key to successfully evolving in this new content ecosystem is to recognize that no one is tied to the containers of traditional media products.

Instead of trying to micro-control each mode of distribution, content publishers need to focus on creating nimble content.

Bei den strukturellen Überlegungen können folgende Punkte helfen
Wie wertvoll ist der Content und für wen?
Wo erreicht eine Marke ihr Publikum, in welcher Form?
Nimbler Content ist unabhängig von Embedding-Restriktionen.
Je besser die Beschreibung von Inhalten/die Tags desto höher ist die Wiederverwertbarkeit.

Fazit
Abgesehen davon, dass die Studio wie auch schon der Feed-Report optisch sehr ansprechend aufbereitet ist, liefert sie natürlich deutlich mehr als ich hier angerissen habe. Neben Vertiefung der angesprochenen Stichpunkte finden sich im Appendix eine Reihe von Tools, um dem eigenen Content die nötige Struktur zu verpassen, damit er zukünftigen Ansprüchen genügt. Für den schnellen Einstieg empfehle ich die Lektüre der Einleitung und der Zusammenfassung.

Abschließende Kritik
Obwohl die Aussagen alle sehr sinnvoll scheinen, setzt Razorfish selbst sie nicht konsequent um. So vermisse ich sowohl auf der Seite des Berichts als auch bei der Ankündigung im Razorfish-Blog die Embed-Option (oder einen Link zu SlideShare, wo der Bericht vorhanden und von da ‘embedbar’ wäre). Darüber hinaus Hinweise, wie der Bericht auf Kindle und iPhone zu lesen ist – ein Standpunkt der Autorin war, dass man sich jetzt schon Gedanken darüber machen müsse, wie Content auf Geräte kommt, die es jetzt noch gar nicht geht. Da wäre die Gegenwart auch ein Ansatzpunkt…

Bonus Links
Im Razorfish-Blog finden sich Links zu einer Reihe weiterer Strategiepapiere, deren Lektüre sich lohnt.
Schließlich noch der Hinweis auf den ebenfalls kürzlich veröffentlichten Razorfish “Outlook-Report 2010″

Werbung oder verkaufsfördernde Mittel – NikeiD iPhone App

Posted on 02. Feb, 2010 by Sebastian Keil in iPhone Apps, strategisch relevant

Es gibt ja verschiedene Formen von Werbung und vor allem verschieden Absichten dahinter, Werbung zu schalten. Imagewerbung, Produktwerbung etc. Letztendlich zählt für viele Unternehmen jedoch nur eins: Irgendwie muss die Werbung umsatzfördernd sein. Aus diesem Grund wird oft der Begriff ROI, Return on Investment, zur Evaluation der Maßnahmen hinzugezogen. Lange Vorrede, kurzer Sinn: Im folgenden möchte ich ein aktuelles Beispiel zeigen welches belegen soll, wie Abverkauf heute auch generiert werden kann und ob/welche Folgen dies für “klassische” Werbung wie Anzeigen in Magazinen haben könnte.

Nike bietet ja seit einiger Zeit die Möglichkeit, sich Schuhe nach eigenen Vorstellungen zusammen zu stellen. Und dazu eine auch eine iPhone Applikation (kein Affiliate-Link).
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Vier Wochen lang habe ich mir ab und an die Designs anderer Menschen angeschaut bis ich eins fand, was meinen Vorstellungen fast entsprach. Das habe ich dann – auch auf dem iPhone – modifiziert.
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Der Kauf selber findet nicht auf dem iPhone statt sondern auf der NikeiD-Webseite. Gesagt, getan, und knapp 5 Wochen später kamen die Schuhe an. Unboxing wäre denkbar gewesen, mir hat der Karton gefallen:
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Und die Schuhe natürlich auch. Schuhe nach meinen Design-Vorgaben (schade nur, dass das Wetter im Moment so schlecht ist):
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Was ist hier nun passiert?
Ich habe 100 Euro ausgegeben, ohne eine Anzeige gesehen zu haben. Möglicherweise habe ich online eine Rezension gesehen, aber wenn ich mich recht entsinne, war es vor allem die prominente Position im App-Store. Das Unternehmen musste nicht 30 Sekunden Fernsehenzeit buchen, keine Anzeigenstrecke buchen, um mich zu erreichen. Mehr noch, ich konnte bequem vom BettSesselBeifahrersitz einkaufen. Mehr noch (wobei das ein Attribut des Produkts ist, nicht unbedingt der App), ich bekomme ein Produkt, mit dem ich zu 100% zufrieden bin, weil ich es selbst designed habe.

Möglicherweise ist dies ein Idealfall, weil Vorteile von Einkauf über das Handy und Vorteile von Custimization sich addieren. Dennoch ist der Werbeeffekt ungleich größer, weil ich mich freiwillig und aktiv nicht nur mit Marke sondern auch direkt dem Produkt auseinandersetze.

Meiner Meinung nach ist die NikeiD iPhone App somit nicht nur Best Case iPhone App wenn es um das Verkaufen geht, sondern auch im Punkt Marken-Experience. Ein Use Case, wo sich andere Firmen gern eine Scheibe abschneiden könnten, insbesondere bei der Optimierung des ROI.

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Gelbe Seiten in der Zukunft: Gowalla liefert die Daten

Posted on 22. Dec, 2009 by Sebastian Keil in strategisch relevant

Heute, wo laut Techcrunch Yelp ein Übernahmeangebot von 550 Mio$ ausschlug, scheint der richtige Zeitpunkt, eine ältere Überlegung noch mal auszusprechen. (hier noch ein paar Vermutungen warum der Deal nicht geklappt haben könnte)

Was ist eigentlich aus den Gelben Seiten geworden? Benutzt die noch jemand? Wundert sich noch jemand darüber, dass Dumrath & Fassnacht Werbung auf Bussen schaltet, so ziemlich die teuerste und am schlechtesten steuerbare Form der Werbung, die ich mir vorstellen kann.

Ich kann mich nicht an das letzte Mal erinnern, dass ich in den Gelben Seiten geblättert habe. Allerdings – die grundsätzliche Suche nach Unternehmen und Informationen über diese Unternehmen ist ja sehr sinnvoll. Sie müsste nur etwas den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Mmh, wie kann ich mir das in der heutigen Zeit vorstellen? Mmh. Mmh.

Wie schafft man den Sprung von 1.0, Buchform und Call-Centern die versuchen, per Cold-Call Firmen Einträge zu verkaufen zu einem Modell, das der Sättigung an mobilen Browsern gerecht wird? Das moderne Technik nutzt? Wenn man die Expertise nicht hat, kauft man sie sich normalerweise. Wenn ich nach der puren Datenmenge an gelisteten Geschäften gehen würde, müsste ich mir wohl Qype anschauen, und wenn ich nach der Wachstumskurve ginge, vermutlich Foursquare, insbesondere durch die native mobile Umgebung. Da aber die Stärke der Gelben Seiten in der Adresse und Branchenzuordnung liegt, würde ich versuchen, Gowalla zu kaufen. Nach Branchen sortierte Unternehmen mit dazugehörigen GPS-Daten – beste Voraussetzungen für gute Suchergebnisse. Und gute Suchergebnisse, beste Voraussetzung für Monetarisierung.

(Mehr zu Gowalla gibt es übrigens auch hier im Blog.)

Food for thought: Gute Präsentationen

Posted on 18. Nov, 2009 by Sebastian Keil in strategisch relevant

Die folgenden Dokumente zirkulieren seit einigen Wochen. Ich finde es lohnt sich, diese ausgiebig zu lesen, zu studieren gar, denn insbesondere in der ersten Präsentation von David Gillespie stehen viele gute Gedanken auf den (wenn auch langen) Punkt gebracht. Man kommt bei vielen Überlegungen immer wieder an den Anfang zurück: Was wollen wir erreichen…

Eine Social Media Strategie allein reicht nicht aus

Posted on 01. Oct, 2009 by Sebastian Keil in strategisch relevant

Eine absolut lesenswerte Präsentation von Tara Hunt die verdeutlicht, dass es “Social Media” allein es nicht richten kann – da gibt es viele weitere Faktoren zu bedenken.